Die Entscheidung zu öffentlichen Ausschreibungen

Rund 18 % des europäischen BIP werden in Form von öffentlichen Ausschreibungen vergeben. Speziell in den Sektoren Energie, Transport, Verteidigung, IT und Gesundheitswesen sind öffentliche Ausschreibungen essentielle Beschaffungselemente.

Unternehmen, die vor der Wahl stehen sich für den öffentlichen Vergabeweg zu entscheiden, sollten hierbei Pro und Contra Argumente zu öffentlichen Vergabeprozessen abwägen.

Warum sollten Sie sich dem öffentlichen Markt zuwenden?

  • Er bietet enormes Marktpotential
  • Er bietet Absatzmarkt in fast allen Geschäftsbereichen
  • Er bietet großteils sichere Zahlungen
  • Er bietet harmonisierte EU Ausschreibungsrichtlinien, die sich im wesentlichen gleichen
  • Er bietet Wettbewerb, öffentliche Sichtbarkeit, Transparenz und Nicht-Diskriminierung
  • Er bietet Potential für Zuliefer-Vereinbarungen

Potentielle Argumente gegen den öffentlichen Markt

  • Er fokussiert sich nur auf den billigsten Preis (Billigstbieter Prinzip)
  • Es erfolgt zu oft eine Fragmentierung der Ausschreibungen
  • Er ist zu bürokratisch
  • Es sind die Deadlines zu kurz und der Ausschreibungsjargon samt technischen Spezifikationen unverständlich
  • Es mangelt an Transparenz und Feedback auf erfolglose Anbote
  • Es gibt zu starke lokale und nationale Konkurrenz
  • Preise können nicht nachverhandelt werden

Der Ausschreibungs-Prozess in 12 Schritten

  1. Die öffentliche Hand hat einen konkreten Bedarf
  2. Entscheidung zum Vergabeprozess
  3. Entscheidung darüber, was zugekauft werden soll
  4. Schätzung des Auftragswertes
  5. Wahl des Ausschreibungsverfahrens
  6. Vorbereitung der Ausschreibungsunterlagen
  7. Erarbeitung der technischen Spezifikationen
  8. Wahl der Vergabekriterien
  9. Veröffentlichung der Ausschreibung
  10. Empfang der Bieterangebote
  11. Evaluierung
  12. Vertragsabschluss oder Beendigung ohne Vertrag

 

  • Ausschreibungen in Österreich

Das Vergaberecht regelt mit dem Bundesvergabegesetz die Vergaben öffentlicher AuftraggeberInnen für folgende Auftragsarten: Lieferaufträge, Dienstleistungs- und Dienstleistungskonzessionsaufträge, Bau- und Baukonzessionsaufträge und die Durchführung von Wettbewerben.

Laut Bundesvergabegesetz gibt es zehn verschiedene Arten von Vergabeverfahren. Bei der Wahl des Vergabeverfahrens kommt es auf Art und Umfang des Auftrages an. Eine Direktvergabe ist beispielsweise bei Bau-, Liefer- oder Dienstleistungsaufträgen nur zulässig, wenn der geschätzte Auftragswert ohne Umsatzsteuer 100.000 Euro nicht erreicht.

Man unterscheidet öffentliche Ausschreibungsverfahren im Unter- und Oberschwellenbereich, je nach Wert des Auftrages. Dafür wurden Schwellenwerte definiert – Auftragsvergaben oberhalb der festgesetzten Schwellenwerte müssen EU-weit ausgeschrieben werden.

Seit Oktober 2018 müssen AuftraggeberInnen Vergabeverfahren im Oberschwellenbereich zudem elektronisch abwickeln.

Schwellenwerte für den Oberschwellenbereich ab 1.1.2020

Im BGBl. II Nr. 358/2019 wurde vom Bundesminister für Verfassung, Reformen, Deregulierung und Justiz die von der Europäischen Kommission festgesetzten Schwellenwerte für Auftragsvergabeverfahren kundgemacht. Die neuen Schwellenwerte gelten ab dem 1.1.2020. Alle Betragsangaben verstehen sich ohne Umsatzsteuer:

  • 5.350.000 Euro für Bauaufträge
  • 5.350.000 Euro für Baukonzessionen
  • 214.000 Euro für Dienstleistungs- und Lieferaufträge sonstiger öffentlicher AuftraggeberInnen
  • 139.000 Euro für Dienstleistungs- und Lieferaufträge zentraler öffentlicher AuftraggeberInnen
  • 428.000 Euro für Dienstleistungs- und Lieferaufträge von SektorenauftraggebernInnen

 

Welche Beschaffungsplattformen gibt es derzeit in Österreich?

Viele Stellen, die öffentliche Ausschreibungen durchführen, geben Informationen darüber in verschiedenen Medien bekannt. Zurzeit verwenden öffentliche AuftraggeberInnen beispielsweise folgende Beschaffungsplattformen für ihre Auftragsvergaben:

auftrag.at                           kostenpflichtig. Hier finden Sie österreichische und europäische Ausschreibungen der öffentlichen Hand.
vergabeportal.at               kostenpflichtig. Hier finden Sie österreichische und europäische Ausschreibungen sowie Ausschreibungen international ausgewählter Märkte.
http://ankoe.at
https://www.vemap.com/bundesvergabegesetz
http://provia.at                 Ausschreibungsplattform von ASFINAG und ÖBB

 

  • Ausschreibungen der EU

Jeden Tag werden im TED – Tenders Electronic Daily über 2.400 Ausschreibungen von Bund, Ländern, Gemeinden und Gemeindeverbänden der EU-Staaten, die einen bestimmten Wert Schwellenwert übersteigen, zeitgleich öffentlich einsichtig gemacht. Pro Jahr sind dort in Summe 520.000 Ausschreibungen mit einem geschätzten Gesamtwert von EUR 420 Mrd. online.

Ausschreibungen im Rahmen der EU-Außenhilfsprogramme in EU-Drittstaaten sind ebenfalls im TED enthalten. Diese Ausschreibungen müssen laut Gemeinschaftsrecht neben einer allfälligen nationalen Veröffentlichung auch im Amtsblatt der Europäischen Union und somit auch im TED veröffentlicht werden. Damit soll allen InteressentenInnen die Möglichkeit zur Informationsbeschaffung über öffentliche Aufträge gegeben werden. Nicht nur Neuaufträge und Vorinformationen zu geplanten Ausschreibungen werden veröffentlicht, auch die Ergebnisse der Verfahren (Namen des/r BestbietersIn und Zuschlagspreis!). Die Ausschreibungen zu den EU-Drittstaatenprogrammen können auch der Ausschreibungsdatenbank der EU-Agentur EuropeAid  entnommen werden (nur auf Englisch).

Weitere Quellen:

 

  • Ausschreibungen internationaler Finanzinstitutionen (IFIs)

Multilaterale Organisationen wie die Weltbank oder die Europäische Investitionsbank (EIB) sowie die regionalen Entwicklungsbanken finanzieren Projekte (Landwirtschaft, Energie, Umwelt, Gesundheit/Soziales, Verkehr, Wasserversorgung, Bildung und Armutsbekämpfung) in Entwicklungsländern.

Sie begleiten die Projektentwicklung, die Erstellung der Ausschreibungen und die Auftragsvergabe und bieten somit entlang des gesamten Projektzyklus Chancen für österreichische Firmen. Aus diesen von internationalen Entwicklungsbanken und -institutionen finanzierten Projekten und Programmen ergeben sich für Consultants und LieferantenInnen vielfältige Geschäftschancen im Zuge von Ausschreibungen. Lesen Sie näheres hierzu auf der Website der Aussenwirtschaft Austria.

Die Ausschreibungen zu den Projekten der internationalen Entwicklungsbanken sowie die Ausschreibungen zu den EU-Drittstaatenprogrammen können der kostenpflichtigen Datenbank Development Gateway dgMarket entnommen werden. Dabei handelt es sich um ein sehr gut gestaltetes und weitgehend komplettes Internetportal über Projekte internationaler Entwicklungsbanken und der EU-Außenhilfe (u. a. UNO, Asiatische Entwicklungsbank, Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, Europäische Investitionsbank, Weltbank; EU-Drittstaatenprogramme), auf dem Ausschreibungs- und Projektinformationen veröffentlicht werden.

 

  • Ausschreibungen der Vereinten Nationen (UNO)

Das Vergabewesen der Vereinten Nationen (UN-Procurement) mit einem Gesamtvolumen von rund 18,8 Milliarden US-Dollar im Jahr ist ein noch nicht ausgeschöpftes Feld für steirische Unternehmen.

Für alle Aktivitäten und Einsätze, die von den einzelnen Institutionen der Vereinten Nationen ausgeführt werden, brauchen sie Produkte und Dienstleistungen, um ihre Visionen von Frieden, Sicherheit, Armutsbekämpfung und Schutz des Planeten auf der Welt (festgehalten in den 17 Sustainable Development Goals -SDGs) zu verwirklichen.

Der größte UNO Zukaufsbereich von Waren und Dienstleistungen liegt im Gesundheitssektor (Medizin, Spritzen, Laborausrüstung), gefolgt vom Transport, Lebensmittel und Landwirtschaft und einem sehr großen administrativen Bereich (unter den auch sämtliche Beratungsleistungen fallen). Aber auch Maschinen, Fahrzeuge, Umweltleistungen etc. werden konstant stark zugekauft.

 

  • UNGM – United Nations Global Marketplace

Der Überblick über die agierenden UN Organisation sowie die Regelungen des UN-Vergabewesens ist wichtig, um sich um Aufträge seitens der UN zu bemühen. Seit einigen Jahren gibt es eine Plattform (UN Global Marketplace), auf der sich potentielle LieferantenInnen mittels UNSPSC Codes kostenlos registrieren lassen können und sich auch 99 % der Ausschreibungen (hier gibt es verschiede Ausschreibungstypen) von zukaufenden UN-Institutionen befindet.

Pro Tag sind in diesem Online-Tool rund 18 neue Ausschreibungen (zuletzt waren es in Summe 6.500 Ausschreibungen), im Schnitt zur selben Zeit immer 350 Ausschreibungen für Interessenten einsehbar. Für den Großteil der UN-Agenturen, die den UN Global Marketplace zur Veröffentlichung ihrer Ausschreibungen nutzen, wurde die Lieferantenregistrierung auf www.ungm.org verpflichtend (diese 26 Institutionen bündeln über 95 % des UN-Vergabevolumens).

 

Mag. Michaela Ahlgrimm-Siess
EU-Projektmanagement
ICS Internationalisierungscenter Steiermark, Lindweg 33, 8010 Graz
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Hier finden Sie einige Hilfestellungen zum Thema Ausschreibungen: